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CASSIUS

 

Jeder, der sich in den 90er Jahren mit Musik beschäftigt hat, wird sich daran erinnern, dass es ein paar Französische Musiker gab, die anders waren als der Rest der internationalen Dance-Szene. Erfolgreiche DJs und Künstler der elektronischen Musik – wie Daft Punk und eben Cassius – verewigten sich auf Titelblättern von Zeitschriften und Zeitungen rund um den Globus und verliehen den Dancefloors einen gewissen „French Touch“.
Zdar (Philippe) und Boombass (Hubert), Anhänger von Hard Rock und Funk, hinterließen als Produzenten und Tontechniker ihre ersten Spuren in der Hip Hop Szene der frühen 90er Jahre. Doch durch die Raves, die Zdar besuchte, interessierte er sich mehr und mehr für House. Bald darauf gründete er Motorbass mit Etienne de Crécy - und sie schufen mit „Pansoul“ eins der beliebtesten Dance Alben der 90er Jahre.
Boombass begeisterte sich immer mehr für Techno und so beschlossen er und Zdar ein neues Projekt ins Leben zu rufen: Cassius. An ihrem ersten Album, „1999“, arbeiteten sie zwei Jahre und schufen eine Sammlung von funkig pulsierenden und stilistisch ausgefeilten Instrumentals, die House und Techno wieder auf ihre schwarzen Roots zurückführten.


Drei Jahre später kam der Nachfolger „Au Rêve“ heraus. Das zweite Album des Duos sollte ihr musikalisches Meisterwerk werden. „Es war eine Utopie, ein Album in das wir viel Zeit und Arbeit gesteckt haben – wahrscheinlich zu viel,“ gestehen die beiden heute.
„Au Rêve“ erschien zu einer Zeit, in der die Französische House-Szene auseinander brach und sich neue Projekte formierten. Das führte dazu, dass dem Album nicht die uneingeschränkte Begeisterung entgegengebracht wurde, die sich das Duo erhofft hatte. So brach auch Cassius auseinander und Zder und Boombass beschäftigten sich erstmal mit  Soloprojekten. Bald wurde jedoch klar, dass das  Material, an dem sie arbeiteten, perfekt für ein weiteres gemeinsames Album war. Die beiden beschlossen, diesmal alles anders zu machen, um die Frische und Spontanität der neuen Stücke zu erhalten: Sie zogen in ein Haus auf Ibiza, benutzten ausschließlich ältere Technologie und setzen sich ein Zeitlimit, nachdem sie nur acht Stunden an jedem Track arbeiten durften. Ihre neue Arbeitsweise, die fast schon an Lars von Triers Regeln für einen Dogma-Film erinnert, half Zder und Boombass, sich auf das Wesentliche zu beschränken. Die Abkehr von Luxus und die Rückkehr ins Heimstudio hob die Moral der Musiker und ließ das neue Material rauer klingen. Somit ist „15 Again“ ein jugendliches Album geworden, ganz im Zeitgeist heutiger elektronischer Musik.

Vermutlich wird niemand, der sich für Dance-Kultur interessiert, von dem neuen Cassius Album enttäuscht sein: Schon das erste Stück „Toop Toop“ ist ein richtiger Hit – der Sequencer ruft Erinnerungen an „Popcorn“ wach, angereichert mit Gitarrenriffs wie man sie seit The Clash nicht mehr gehört hat und mit Zders Stimme, die durch ein Megaphon tönt. Auch sind auf „15 Again“ drei richtige Electro-Tracks zu finden, wie das Titelstück, ein Duett mit Gladys in bester Acid House Manier, oder „Cactus“, eine Hommage an die Hip Hopper von Soulsonic Force. Die seltsam anmutende Poesie von „Cira Cuervos“ erweist sich dann durch Electro-Ambient-Klänge als perfektes Gegenstück.
Natürlich ist auch der Einfluss von Ibiza auf dem neuen Album auszumachen: Reggae- und Funkeinflüsse sind deutlich auf „See Me Now“ zu hören und „All I Want“ klingt eindeutig nach Jazz und Afrikanischer Musik – jedoch ohne dabei seine Pop-Appeal einzubüßen.
„Jack Rock“ ist ein verführerischer Dancefloor-Hit, bei dem niemand ruhig sitzen bleiben kann – eine Huldigung alter House-Klassiker. Dagegen ist „La Notte“ ein ruhiges Stück, das an die sinnliche Melancholie der After-Hour-Clubs des Inselparadieses erinnert.
Die anderen Stücke des Albums sind dagegen persönlicher, aber auch frecher. Hier beweist das Duo sein enormes Talent, allein schon durch den Aufbau der Songstrukturen. Auf „15 Again“ haben auch einige befreundete Musiker von Cassius mitgewirkt: So steuert der als M bekannte Mathieu Chedid ein paar Gitarrenriffs bei, Gladys singt auf einigen Stücken und Sébastien Tellier ist am Bass zu hören. Ein weiterer Gast ist Pharrell Williams. Der bekannte Hip Hop Produzent und Musiker war begeistert vom Instrumental „Eye Water“, dem ersten Stück von „Au Rêve“, und wollte unbedingt Lyrics dazu schreiben. Angetrieben von harten Gitarren, wie man sie aus den 80ern kennt sowie klassischen Synthi-Akkorden, ist so ein Song epischen Ausmaßes entstanden, der im Einklang mit dem kryptischen Text an den Soul von Marvin Gaye erinnert.


Der Einfluss des Neptunes Gründers ist auch auf „Rock Number One“ zu spüren: Die Strophen erinnern an Chaka Khans Electro-Jazz-Periode und der Refrain klingt nach Britney Spears, produziert von Outkast.
Trommeln in der Steppe, eine vorbeiziehende Karawane, einen Heuschreckenschwarm – all dies beschwört „A Mile From Here“ herauf.
Für „The Song“ wird dann die gesamte Popwelt zu den Waffen gerufen: Falsettstimmen, Synthis in bester „Prince-Manier“, unterkühlte New Wave Beats, rhythmische Irritationen, tonale Fragmente und verschliffene Resonanzen ergeben zusammen einen kraftvollen Hit, einen abgedrehten Klassiker, ironisch und triumphal.
Nach dem Abmischen der Stücke in Paris – diesmal waren nur sechs Stunden pro Track erlaubt – fingen Zdar und Boombass sofort an, Musiker für ihr Live Set zu suchen. Schließlich wollen sie ihr neues Material so schnell wie möglich auch auf der Bühne präsentieren – und natürlich den Beweis antreten, dass sie nach 15 Jahren hinter Plattenspielern und Konsolen wieder 15 Jahre alt sind.